Eine Prise Winter – Expedition zur Jurte am Tiberkul

Von , 1. Februar 2013 8:51 am

Die erste Jurtenexkursion im Winter der drei Grashalmfreiwilligen in Sibirien. Erfolgreich und ohne Verluste sind wir alle heil zurückgekommen und können nun ein paar Eindrücke mit euch teilen.

Eisbaden, alter Sowjetbus, Kampf mit Naled, See, endlose Weiße, Jurte, Eisloch, Eishäuschen, Schnee, Wind, Holzholzholz, Jaeger, Schneemobil, Angler im Wald, Wandern und und und.

Wenn Du Lust auf eine Prise sibirischen Winter im warmen Wohnzimmer hast, kannst du Dir gerne etwas Zeit nehmen weiterlesen und so an unseren Erlebnissen teilhaben.

Gestartet sind wir am 19. Januar, dem heiligen Tag des Wassers nach einem Eisbad im Fluss.  Wenn alles klappt, bleiben wir jetzt ein Jahr lang gesund. Wenn nicht war es immerhin ein schönes Erlebnis. Das Wasser war gar nicht so kalt wie gedacht und mit einer Temperatur um die null Grad bestimmt wärmer als die Luft. Trotzdem kostet es natürlich einiges an Überwindung komplett einzutauchen. Wieder zu Hause hat man das Gefühl von innen ganz warm und lebendig zu sein. Es fühlte sich so schön an, dass wir beschlossen am Tiberkul ein Badeiglu zu bauen, doch eins nach dem anderen.

Zuerst sind wir mit einem uralten Sowjetbus zweieinhalb Stunden lang auf den Trockenen Berg gefahren von dem wir zur Jurte laufen wollten. Die Fenster waren beschlagen und gefroren sodass ich von der Strecke nicht viel gesehen habe. Das hat mich allerdings nicht lange gestört, denn schon bald wurde mir durch das Geschaukel auf der unebenen Straße ziemlich schlecht und ich war überglücklich, als ich endlich aussteigen konnte.

Eine Nacht im Ort, am nächsten Morgen die Rucksäcke und Schneeschuhe geschnappt und zum See gelaufen. Das Wetter war toll, nicht zu kalt, nur etwa -15°C und sonnig. Vor uns eine riesige weiße Fläche, weit entfernte Ufer und kaum erkennbar ein paar Eisangler auf dem See. Hinter einer Landzunge erwartete uns die Jurte, für mich das allererste Mal.

Wir sind recht zügig losgelaufen und nach einer halben Stunde auf ein Phänomen gestoßen, dass es an nur ganz wenigen Orten der Erde gibt und hier Naled genannt wird, auf Englisch heißt es „aufeis“.

Bei extremem Frost reißt die Eisdecke auf und Wasser drückt hoch. Bis es oben wieder anfriert dauert es einige Zeit, solange ist unter dem Schnee Schneematsch, darunter Wasser und erst darunter Eis. Beim Laufen bilden sich riesige Eisklumpen an den Schuhen sodass man bei jedem Schritt mehrere Kilo mit den Füssen heben muss.

Als wir das erste Mal darauf stießen beschlossen wir einfach drumherum zu laufen, gingen ein Stückchen zurück und dann sehr weit Richtung Ufer in der Hoffnung, dass es dort besser ist. Keine fünfzig Meter weiter stießen wir wieder auf Wasser, also Augen zu und durch. Ich lief als letzte in der Spur – ein Fehler, doch daraus lernt man ja bekanntlich.

Der erste hat noch ganz viel Frischschnee unter den Schuhen. Der drückt aufs Wasser wird Matsch, ist anstrengend zu laufen aber gut möglich. Der zweite hat eine Spur aus Wasser und Matsch, einfacher zu laufen, aber schon ganz schön rutschig. Als dritte und voller Elan in der Spur freute ich mich zuerst, wie leicht es ging. Bis das letzte bisschen Matsch an meine Schneeschuhe fror und diese wahnsinnig schwer machte. Noch ein paar Meter später rutschte ich auf dem Eis etwas aus, der Schneeschuh unter den Schnee in den Matsch und ich in die Pampe. Mit dem Rucksack und den Schneeschuhen war es gar nicht so leicht wieder aufzustehen, ein Schneeschuh war ab und ging nicht wieder ran und der andere dran und ging nicht wieder ab, zumindest nicht solange ich im Wasser stand. Irgendwie bin ich den zweiten dann auch noch losgeworden und mit meinen normalen Schuhen durch das Wasser gelaufen, es hat nicht sehr lange gedauert bis ich es zwischen den Sockenschichten hin-und her schwappen spürte. Am Ufer nur kurzer Stopp, nur Georg hatte trockene Füße und wir wollten nicht, dass unsere kalt werden. Ich entschied mich, ohne Schneeschuhe weiter zu gehen weil die Bindung überfroren war, nicht mehr hielt und die Füße sowieso nass waren.

Gelernt: Bei Naled laeuft am besten jeder in einer eigenen Spur, und hat wasserfeste Schuhe an.

Nach so vielen Worten über ein Hindernis: der Weg war einfach wundervoll. Am spaeten Nachmittag leuchtete die Sonne die Berge an dass diese total gewaltig und warm aussahen, außerdem hat der ganze See geglitzert und vor uns – einladend und verschneit ein kleines Dorf mit lauter Holzhäuschen und einer großen freien Fläche auf der man immer besser die Jurte erkennen konnte.

 Für die sieben oder acht  Kilometer brauchten wir gut sechs Stunden,  und kamen abends müde, mit ballgroßen Eisklumpen an jedem Schnürsenkel und mit nassen Füssen aber total glücklich bei der Jurte an.

Diese stand noch und auf dem Dach war relativ wenig Schnee, wir haben uns also grundlos gesorgt. Geheizt war schnell, Schnee geschmolzen, Tee und Gretschka gekocht und die Sachen zum Trocknen aufgehängt. Ins Eis haben wir ein stiefeltiefes Loch gehauen ohne auf Wasser zu stoßen und uns mit dem Dunkelwerden entschlossen erst nächsten Tag weiter zu hacken.

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Es ist einfach unbeschreiblich morgens die Tür aufzumachen und einfach nur weiß vor sich zu haben. Kein erkennbarer See, links und rechts zwar Ufer dass sich recht weit erstreckt und in der Ferne noch einmal einen grauen Schatten, aber sonst nur weiß, man selbst steht in der Mitte.

Nach dem Frühstück fingen wir an rund um die Jurte alles herzurichten. Schnee vom Dach, Holz machen, Weg und Kloloch freischaufeln, das Dasein genießen. Meine ganze Aufmerksamkeit galt dem Eisloch. Erst grösser und dann tiefer gehackt – es fehlten nur noch knapp zehn Zentimeter bis das Wasser hochsprudelte und das Loch füllte. Gekocht werden konnte jetzt mit flüssigem Wasser, den ersten Eimer trug ich unsere fast fertigen Schneetreppen hoch. Als ich das kleine Loch grösser gemacht habe passierte das Unvermeidliche –  meine Brille fiel mal wieder runter und verschwand ruck zuck unter dem Eis. Mein Versuch sie noch zu greifen endete mit nassen Sachen weil ich ins Loch fasste, jedoch ohne Brille. Immerhin war das Loch jetzt fertig und nach dem Essen gingen wir ein Ehepaar im Dorf besuchen. Noch mehr essen und interessante Gespräche die ich nur bruchstückhaft verstand, Magnet ausgeliehen und damit vergeblich nach der Brille gefischt.

Immerhin bekamen wir ganz viele Kartoffeln und Gemüse geschenkt, als wir die Magnete zurückbrachten und unsere Kornmühle verliehen, daraus wurde dann eine leckere Suppe gezaubert die uns dreimal satt gemacht hat.

Abends bemerkten wir dann schnell, dass ein schon vorbereitetes und mit Brettern verschließbares Loch als Klo zwar schon ganz gut, aber doch recht zugig und nicht sehr einladend ist. Um das zu ändern, entschlossen wir uns, ein Klohäuschen zu bauen.

Wir gruben also die Bretter unter dem Schnee hervor, schafften Birkenstangen ran und begannen ein Gerüst zu bauen. Um Holz zu sparen bauten wir nur ein Dach aus Brettern und die Wände mit Hilfe unseres vorsorglich mitgebrachten Iglubausets und großen Schneebrocken. Inzwischen ist unser Plumpsklo ein Plumpsklo Deluxe, mit Klopapierhalter und Fenstern aus Eis.

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Zwischendurch kam ein Nachbar vorbei der gerne einmal die Jurte von innen sehen wollte. Wir luden ihn zum Tee ein, bekamen einen Vorgeschmack auf die verrücktesten Geschichten und fanden uns schon abends in seinem Haus wieder. Vollgegessen unterhielten wir uns mit dem Jägerehepaar, bestaunten einen Zobel mit einem gebrochenen Bein und die vielen Katzen und Hunde die hier hochgepäppelt werden, hörten viele Geschichten über das Dorf, die Leute, die Gegend und Abenteuer beim Jagen und ließen uns von ihrem Sohn seine Steinesammlung zeigen.

Es dauerte nicht lange bis wir uns ans Jurtenleben gewöhnten. An das Schlafen in mehreren Schlafsäcken, ans frühmorgendliche Anheizen und an die niedrige Tür.

Bald wussten wir auch, warum außer uns keiner Treppen in den Schnee gemacht hatte – es geht sich zwar echt superleicht und sieht schick aus – aber meistens ist es so windig, dass innerhalb einer Nacht alles wieder meterhoch mit Schnee überweht ist und man die Stufen nicht mehr sieht. Dann tritt man auf die Kanten und zerstört sich die mühevoll plattgetretenen und raus geschaufelten Tritte selbst. Außerdem lernten wir, dass es sinnvoll ist sich sein Wasserloch zu markieren, denn morgens ist es so zugefroren und verschneit dass man die Stelle nur noch schwer oder gar nicht mehr wiederfindet.

Während wir Mädels ein großes Badeiglu bauen wollten – die Idee war ein großes Iglu zu machen und darin ein Wasserloch zum Baden ins Eis zu hacken, um dann windgeschützt und etwas wärmer eisbaden zu können – zog Georg los um noch etwas Holz zu suchen.

Unsere Mission scheiterte weil Naled bis ans Ufer reichte und wir keine trockene Fläche fanden um mit dem Bau zu beginnen.

Also gingen wir in den Wald, zersägten noch einen Baum den Georg gefällt hatte und schleppten das Holz zur Jurte. Ein weiterer Tag verstrich mit dem Zersägen und Hacken des Holzes und dann war die Woche auch schon um.

Nicht nur der Abwechslung halber entschieden wir uns für einen anderen Weg zurück als hin. Wir wollten eine Schneemobilspur bis zur Tourbase (einem Anlaufpunkt fuer Touristen, Reisende und Angler) folgen und dann zu Fuß etwa 20 km nach Hause laufen. Am Abend vorher ergab sich dann eine Mitfahrgelegenheit zur Tourbase – ein paar Jungs aus Abakan wollten dort Benzin für ihre Snowjets abholen und erklärten sich bereit uns dorthin mitzunehmen, wussten aber noch nicht zu welcher Tageszeit sie fahren. Viel zu früh morgens standen sie dann vor der Tür – Haferbrei noch nicht fertig und die Sachen nicht gepackt. In Windeseile haben wir alles in die Rucksäcke gestopft, den Haferbrei zugemacht – der friert ein und ist bereit für unsere nächste Ankunft, Jurte zugemacht und nach unten gelaufen. Rucksäcke in den Anhänger, Georg auch, Mädchen auf die Sitze hinter den Fahrern und los ging’s. In einem Wahnsinnstempo ging es über den See, die Fahrer mal fast neben den Gefährten hängend um sie in der Spur zu halten, mal stehend das ganze Schneemobil durch die Wasserschicht  schaukelnd damit wir nicht stecken bleiben. Gefahren sind wir durch eine atemberaubende Landschaft und wurden mit jedem Mal Füße hochziehen um dem Wasser auszuweichen froher, dass wir nicht laufen mussten, die Strecke hätten wir nicht an einem Tag geschafft.

An der Tourbase Pause mit Frühstück, Tee und einigen Anglern die schon ein paar Gläschen weg hatten, dann Aufbruch. Da starkes Naled war fand sich ein weiterer Russe mit noch ein paar Gläschen mehr der uns die restlichen zwei Kilometer über den See fahren wollte. Laufen konnte er nur schwer, doch Gas geben um ueber den See kurven war noch drin und so begann eine halsbrecherische Tour. Zu zweit mit den Rucksäcken im Anhänger, einer hinter dem Fahrer. Kurz darauf lernten wir noch etwas.

Georg und ich beobachteten im Anhänger mit Schrecken den Fahrerwechsel und kurz darauf war es geschehen – von der Spur gedriftet und mitten im Wasser stecken geblieben. Ich durfte im Hänger sitzen bleiben während Georg und noch ein paar Männer die zu Hilfe kamen Schneemobil und Anhänger befreiten. Zum Ufer schafften wir es dann heil und nur Georgs Füße waren etwas nass. Ein paar Kilometer weiter als geplant sind wir dann noch Schneemobil gefahren und ein oder zwei Mal fast umgekippt, dann begann der ruhigere Teil unserer Reise, es blieben uns noch etwas zwischen 15 und 20km zu Fuß. Draußen war erstaunlicher Weise Tauwetter und der ganze Wald hat getropft.

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Der Weg war genutzt und größtenteils fest, so konnten wir ganz normal und ohne Schneeschuhe losziehen und kamen gut voran. Interessant war noch eine Gruppe von Männern mitten im Wald. Dort hielten wir und machten eine kurze Pause.

Zu dritt vor einem kaputten Jeep, zwei sitzend an einem Feuer das nicht brannte sondern nur so vor sich hin qualmte, einer schlafend und schnarchend, der unsere Anwesenheit mit Sicherheit nicht bemerkte. Es dauerte nicht lange, da stellte sich heraus, dass sie eigentlich angeln fahren wollten. Leider ging das Auto kaputt und so kamen sie nicht bis zum See, sondern machen Männerwochenende im Wald. Angeln ohne Angeln eben.

Die nächsten Kilometer bis zum ersten Dorf kamen wir noch an sechs weiteren kaputten Autos am Straßenrand vorbei und trafen einen Abschleppdienst der nach und nach alle  einsammelte und zurück brachte. Der Pfad wird von vielen Anglern genutzt die am Wochenende zum Tiberkul fahren um sich dort zu betrinken, vielleicht fangen sie mit dem Trinken etwas zu früh und schaffen es dann nicht mehr zum See.

Abends kamen wir in der Werkstatt an, begrüßten Roland und bekamen noch am gleichen Abend Essen und Banja im Tausch gegen unsere Geschichte – Ein Deal, vorgeschlagen von der Anthropologin Joanna die gerade im Nachbarhaus wohnt.

Sauber, zufrieden und nach einem kleinen Bierchen und Gipfelkäse (die Schokolade hatten wir schon vorher aufgegessen) war das Schlafengehen der perfekte Abschluss dieser Tour.

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